Brief aus China

Did you have contact to any person having flu or flu-like symptoms? Yes/ no. Die Quarantäne-Abteilung steht bereit, doch niemand der Frankfurt-Reisenden hat yes angekreuzt. Die Beamten, die unsere Pässe kontrollieren, lächeln nicht, ebenso wenig jene, die hinter den kontrollierenden Beamten stehen und auch nicht jene, die an allen möglichen Punkten unseres Parcours zu den Gepäckbändern herumlungern. Es könnte am Mundschutz liegen, den sie tragen, mit einem halben Gesicht lässt es sich schlecht lächeln. Doch irgendetwas an ihrer Haltung, ihrer Uniform, ihrem Blick gibt mir das Gefühl, dass sie auch mit ganzem Gesicht nicht freundlicher aussähen.

Eine junge Chinesin hält ein Schild mit meinem Namen, sie strahlt, als wolle sie alle Beamtenmienen auf einmal wettmachen. Sie stellt sich vor, die Laute sind ungewohnt und ich hoffe, sie nicht allzu bald mit ihrem Namen ansprechen zu müssen. Zusammen nehmen wir ein Taxi in die Innenstadt, die Sitze sind mit einem weißen Überzug bespannt, die Anschnallgurte darunter verborgen. Ich blicke hinüber zu meiner Begleiterin, auch sie hat sich nicht angeschnallt und so rasen wir ungesichert über die chinesische Schnellstraße, ein Leben, denke ich, wird hier vielleicht nicht so übertrieben abgesichert wie in Deutschland - wenn es einen Unfall gibt, dann gibt es eben einen Unfall, das Land ist groß, das Land hat schon vieles überstanden.

Das Hotel liegt gegenüber des Universitätscampus und John Rabe wäre mein Nachbar, fiele mein Aufenthalt in eine frühere Zeit. Meine Wohnung, die mir vorab als „nicht nach westlichem Standard“ beschrieben wurde, kommt mir erstaunlich westlich vor, genauso wie der Teil der Innenstadt, den wir durchfahren haben: Hochhäuser, Baustellen und an vielen Fassaden Werbung im
Hochglanzformat. Auch unter meinem Hotelzimmer wird ein Metallskelett von grellen Scheinwerfern erleuchtet, vom siebzehnten Stock sieht es wie ein Geschicklichkeitsspiel aus. Noch in der Nacht höre ich das Scheppern der Metallstangen zu mir herauf dröhnen.

Meine erste Unterrichtsstunde beginnt zu einer Uhrzeit, zu der ich noch nie eine deutsche Universität betreten habe: Acht Uhr in der Frühe. Der Wohncampus, über den ich laufe, um zu dem dahinter liegenden Unterrichtscampus zu gelangen, ist wenig belebt, die meisten der Studenten schlafen noch. An den Wegen reihen sich hunderte von Thermokannen, die Studenten haben sie hier
abgestellt, man darf sie, so erfahre ich, nicht mit auf den Unterrichtscampus nehmen. Die Studentenwohnheime gleichen Baracken, sie sind alt und baufällig, ohne Klimaanlage und Heizung und ein Schlafzimmer wird von mehreren Personen geteilt. Nur die vierten Klassen müssten noch hier ausharren, erklärt meine Begleiterin mir schnell. Immerhin sei es zentral. Ein neuer Campus im
Osten der Stadt sei gebaut, viel moderner und schöner und als Signal für den Unterrichtsbeginn werde dort Haydn gespielt.

Hier ist der Gong noch schrill und blechern. Meine Klasse sieht ein wenig verschlafen aus, das beruhigt mich, ich bin offensichtlich nicht die Einzige, die lieber eine andere Uhrzeit für das Seminar gewählt hätte. Die Leiterin der Deutschabteilung stellt mich vor, die Studenten, kaum jünger als ich, begrüßen mich mit einem Applaus.

Ob sie schon mal von der Frankfurter Buchmesse gehört haben, frage ich zum Einstieg. Alle nicken. Ob sie wissen, dass in diesem Jahr China das Gastland sein werde. Wieder nicken sie. Ob sie sich vorstellen können, was genau das bedeutet. Keiner nickt, niemand hebt seine Hand, einige Kichern. Ich erzähle ein wenig von Frankfurt, von der Buchmesse und der Besonderheit des jährlich wechselnden Gastlandes. Eine Studentin meldet sich. Sie erzählt von ihrem Deutschlandaufenthalt und von einem Buch über den Dalai Lama, das sie dort gesehen hat. „Werden solche Bücher auch auf der diesjährigen Messe ausgestellt?“ fragt sie. Das sei möglich, erwidere ich. Schweigen.

Dann ein tonloses: „Ah ja“, das alles bedeuten könnte, Zustimmung, Ablehnung oder schlichte Kenntnisnahme.

Nach dem Seminar gehen wir gemeinsam in die Mensa. An zig Tresen werden an diesem Mittag so viele Gerichte angeboten, wie sie meine Berliner Mensa für den Speiseplan des gesamten Jahres vorsieht. Hinter einer Glaswand gibt es „westliches Essen“, an einem Stand beim Eingang Obst, an einer Theke, hinter der sich eine Garküche befindet, kann man Dumplings bestellen – 10 Minuten müssen die kleinen Teigtaschen in heißem Wasser ziehen, dafür haben wir heute nicht genug Zeit, erklärt meine Betreuerin. Sie zieht mich an den anderen Auslagen vorbei, zeigt scheinbar wahllos auf Gerichte, die daraufhin in einen Napf geschaufelt und auf ihr Tablett gestellt werden. Ich mache es ihr nach, suche nach dem, was ungefährlich aussieht. Meine Kartoffeln allerdings entpuppen sich als Fettstreifen, die zu allem Überfluss auch noch frittiert sind und das, was ich auf dem Tablett meiner Betreuerin für zerschnittene Schweinefüße gehalten habe, ist Lotos. Es sei beliebt bei meinen deutschen Kollegen, erzählt sie mir. Ich seufze leise und blicke auf meine Fettstreifen. Nichts ist, wie es scheint, denke ich. Das trifft ab und an überall auf der Welt zu, an manchen Orten ein wenig häufiger als an anderen.

 

 
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