Schriftsteller aus China zu Gast

Zum ersten Mal: Ye Zhaoyan als "Artist in Residence" in Göttingen

Für einen Schriftsteller ist es ein verflixtes Gefühl und eine ganz schön schwierige Situation, in einem Land zu sein, in dem man die Sprache nicht spricht und den Großteil der Schrift nicht lesen kann", sagt Ye Zhaoyan und lacht. Das Schwierigste daran sei, dass man beim Schreiben nicht immer die große Welt sehe, sondern einem Auschnitt möglichst nahe kommen wolle. Es sei dann manchmal nicht möglich, einen festen Punkt zu finden, ein bisschen wie Schweben.

Der 1957 in Nanjing geborene chinesische Schriftsteller ist erster Teilnehmer des "Artists in Residence"-Projektes in Göttingen, das vom Deutsch-chinesischen Institut für Interkulturelle Germanistik und Kulturvergleich Göttingen/Nanjing, organisiert von Irmy Schweiger, initiiert und koordiniert wird. Mit mehr als 30 veröffentlichten Romanen gehört Ye zu den bekanntesten und renommiertesten Gegenwartsautoren Chinas.

Bücher wie "Nanjing 1937" haben einen historischen Hintergrund, der Ye jedoch nur als Folie für seine Romane dient. "Wenn ich über die Gegenwart schreibe, schreibe ich auch über die Geschichte, wenn ich über die Geschichte schreibe, schreibe ich auch über die Gegenwart", so der Autor. Seine Themen sind weit gestreut, bewegen sich oftmals am Beginn des 20. Jahrhunderts.

"Es war nicht von klein auf klar, dass ich Schriftsteller werden würde", so Ye, dessen Vater und Großvater ebenfalls Schriftsteller waren. Die Literatur hatte zur Zeit der Kulturrevolution einen geringen Stellenwert, es gebe dafür keine reguläre Ausbildung. Außerdem habe er von zu Hause gewusst, was es wirklich bedeute, jeden Tag mit der Literatur zu leben. Sein Vater sei damals verfolgt worden.

Noch während seines Studiums der chinesischen Literaturwissenschaft jedoch veröffentlichte Ye die ersten Texte. Anfangs gab es Probleme mit der Zensur, "aber die Zeiten sind vorbei". "Unser Problem ist jetzt eher das typische Schriftsteller-Problem, gute Texte zu verfassen. Die Zensur spielt keine Rolle mehr", sagt er. Einen Vorteil habe sie allerdings gehabt, sie habe die Bücher - als etwas Verbotenes - sofort interessant gemacht. Jetzt sinke, wie überall auf der Welt, das Interesse am Lesen.

Im China der 80er Jahre mussten die Autoren in Nischen gehen, in Verlagen als Redakteur oder im Lektorat arbeiten. "Mittlerweile bin ich glücklich als Autor. Ich kann schreiben, was ich will, wie, wann und wo ich will." Er habe ein Durchschnittsleben in China, das Schreiben sei einfach die Arbeit die man habe.

Zwei Regalmeter deutsche Literatur stehen bei Ye zu Hause. Heine, Remarque, Grass, ältere Autoren. Für Intellektuelle ist die Kenntnis westlicher Autoren üblich, davon kann zumindest auf deutscher Seite nicht ausgegangen werden. In Yes Seminar, das er in Göttingen gibt, steht also Kulturvermittlung auf dem Plan. "Die Arbeitsweise, die im Seminar herrscht, gefällt mir gut. Die Studierenden bringen schon Wissen mit in die Diskussion." Nach Apfelpfannkuchen und Kartoffelsuppe in einer WG stehen für ihn noch Lesungen in Hamburg und Berlin an.

Tina Luers, Göttinger Tageblatt (15. November 2008)

 
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